20.01.2016, KVP Schweiz

Der Herz-Jesu-Kapitalismus

Heraus mit der Wahrheit!

BannerDas Bistum Chur finanziert sich gemäss einem Bericht der „NZZ am Sonntag“ unter anderem mit einem Rappenanteil am Benzinausschank einer Tankstelle. Dahinter steht der rücksichtslose Wirtschaftsliberalismus des Generalvikars Martin Grichting, der Vieles erklärt: Man hat nichts gegen die Erweiterung des Tankstellensortiments an Sonntagen, hält die Leute in wirtschaftlicher Abhängigkeit und entzieht sich der Ethik der Enzyklika „Laudato si‘“. Das Geschäftsgebaren erfüllt alle Kriterien einer religiösen „Geldwäscherei“, und es stellt sich die Frage nach der Verschleuderung von Steuergeldern. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen verlangt umfassende Transparenz.


Gemäss Bericht in der Südostschweiz vom 27. Oktober 2013 hat das Bistum Chur Zahlen zu den Kosten der Bistumsleitung bekannt gegeben. 90‘000 Franken erhält Bischof Vitus Huonder für seine Amtsführung. Die gesamte Bistumsleitung kostet jährlich 2.6 Millionen Franken. In der bischöflichen Verwaltung sei der höchste Lohn maximal doppelt so hoch wie der niedrigste, gab das Bistum bekannt. Die KVP sah darin einen Fortschritt in der Transparenz der Bistümer. Die Partei verlangte aber weitere Transparenz.

Die „NZZ am Sonntag“ vom 15. Januar 2017 ging in einer Reportage unter dem Titel „Die finanzielle Parallelwelt des Bischofs“ auf die verschiedenen Quellen ein, die in den bischöflichen Apparat sprudeln.

Direkt und ohne Not in Petrodollars

„Ein Areal soll an einen Tankstellenbetreiber verpachtet sein, der pro verkauften Liter Benzin einige Rappen an den bischöflichen Hof überweist.“, wusste die „NZZ“ zu berichten. Eine Nachfrage der KVP vom 16. Januar 2017 beim Bistum, ob dieser Medienbericht zutreffe, ob die Tankstelle auch sonntags betrieben werde, wie viel Rappen pro Liter abgeführt werden müssten und wo die Tankstelle liege, blieb unbeantwortet.

Brisant waren die Fragen nicht zuletzt deswegen, weil das Bistum die eidgenössische Vorlage zur Ausweitung des Tankstellensortiments an Sonntagen nicht ablehnte. Generalvikar Martin Grichting, dessen Aufgabe offenbar das Management eines erheblichen Finanzimperiums ist, musste die Gründe kennen. Er ist, wie aufgezeigt worden ist, Anhänger des neokonservativen Wirtschaftsliberalismus und bekämpft die gegenteilige katholische Soziallehre (KVP Ziffer 4.2.4). Der Sonntag ist in dieser Optik da, um Leute arbeiten zu lassen und Geld zu verdienen. Es sind regelmässig Niedriglöhne, die kaum einen Single und auf keinen Fall eine Familie ernähren können. Im Bistum Chur beträgt er gemäss den obigen Zahlen monatlich 3‘750 Franken. Staatliche Sozialmassnahmen zur Unterstützung solcher Arbeitnehmenden werden von den neoliberalen Kreisen regelmässig abgelehnt. Jeder staatliche Eingriff in die Wirtschaftspolitik muss für Grichting des Teufels sein. Unzulässig wäre die Frage, ob das Bistum sein Geld in Petrodollars anlegt, und schon gar nicht zur Kenntnis nehmen will Grichting die Umweltenzyklika „Laudato si‘“ (KVP Ziffer 4.2.6): Über dieser Enzyklika liegt am Hof zu Chur ein Politik- und Glaubensverbot.

Wirtschaften bringt zwangläufig Umweltzerstörung mit sich. Der „Homo faber“ kann heute zwar meist gar nicht mehr anders, als sich daran zu beteiligen. Das Bistum geht aber offenbar weiter. Es beteiligt sich ohne Not am direkten Gewinn aus dieser Umweltzerstörung, wenn der Bericht der NZZ zutrifft.

Eine Revision der Tankstelleneinnahmen auf die Prinzipien der Umweltenzyklika würde das bischöfliche Investment wohl kaum überstehen, wenn dann noch zutreffen sollte, dass das schwarze Gold aus Russland oder Saudiarabien stammt, wo Menschenrechtsverstösse an der Tagesordnung sind. Mit Zuführung der Gelder zu religiösen Zwecken wäre der unethische Kreislauf dieser „Geldwäscherei“ geschlossen. Lieber spricht Martin Grichting daher über seinen „Alpenferrari“ (Satiresendung Giacobbo/Müller vom 08.03.2015).

Stiftungen stiften Misstrauen

In den Solidaritätsfonds des Bistums Chur zahlen Gläubige ein, die aus der staatskirchenrechtlichen Körperschaft ausgetreten sind und trotzdem Mitglied der Kirche bleiben wollen. Im Jahre 2012 erklärte das Bistum, mit dem Geld Priester zu unterstützen, und versprach jährlich öffentlich darüber zu informieren. Zum Solidaritätsfonds erklärte das Bistum gemäss „NZZ“: „Die Vertreter der kantonalen Staatskirchen würden jährlich über die finanzielle Ausstattung des Solidaritätsfonds (…) informiert.“ Versprochen wurde indes öffentliche Information, und die KVP fragte, welche Priester damit unterstützt würden: eine bisher unbeantwortet gebliebene Frage.

Kirchliche Stiftungen will das Bistum weiterhin selbst überwachen und hält am Privileg ohne staatliche Aufsicht fest. Einen triftigen Grund dafür vermochte Generalvikar Martin Grichting bislang nicht zu liefern. „Entweltlichung“ und Verzicht auf Privilegien (Papst Benedikt XVI.; KVP Ziffer 5.10.1; 4.2.9) darf in Chur Theorie bleiben. Dabei hätte es die staatliche Aufsicht in sich: Stiftungen haben sich an das staatliche Recht zu halten. Sowohl ihr Zweck wie die einzelnen Massnahmen dürfen staatlichem Recht nicht widersprechen. Man könnte bei Offenlegung prüfen, ob die Stiftungen diskriminierungsfreie Tätigkeiten ausführen oder aber nationalistische, homophobe und islamophobe Organisationen, Medien und Priester alimentieren.

Verschwendung von Steuergeldern?

Der Artikel in der „NZZ“ lässt auch sonst aufhorchen. Wenn der konservative Kurs Chur schon viel Geld eingebracht hat und „romtreue“ Gönner im Fall Bischof Haas schon „mit einem Millionenbetrag“ eingesprungen sind, wie die NZZ schreibt, so stellt sich die Frage, ob dieser Ausnahmefall nicht zur Regel gemacht werden kann, ob die vom Bistum verwalteten Güter reichen, um den Bischofsapparat zu alimentieren. Bejahendenfalls wären keine Steuergelder für diese Verwaltung notwendig. Der bisherige Zustand liefe auf eine Verschwendung von Steuergeldern hinaus, zumal in Chur kaum noch mehr gemacht wird, als Glauben und Geld zu verwalten. Man predigt zwar Franziskus, beschäftigt sich hauptsächlich aber mit Krösus.

Offenbar versagen auch die staatskirchenrechtlichen Organe. Die „NZZ“ hielt fest: „Im Parlament der Zürcher Katholiken waren die Finanzen im Bistum schon mehrfach ein Thema.“ Gehandelt wurde aber offenbar nicht. Das System weist alle Anzeichen von Korruption auf.

Heraus mit der Wahrheit!

Von „Geheimniskrämerei“ schreibt die „NZZ am Sonntag“ im Zusammenhang mit dem Geschäftsgebaren des Bistums daher zu Recht. Alle kirchlichen Einrichtungen – Pfarreien, Vereine, Bewegungen – sollen finanziell transparent geführt werden, wie der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen forderte. Transparenz muss heissen: für die Öffentlichkeit transparent, nicht bloss für „wenige kirchliche Insider“ oder „die Vertreter der kantonalen Staatskirchen“. Religionen sind gesellschaftliche Akteure, die von Steuergeldern und Spenden leben. Da geht es um Transparenz und Glaubwürdigkeit. Ob „romtreu“ oder nicht: Die Bistümer tun gut daran, Transparenz freiwillig herzustellen. Ansonsten könnte eines Tages der Staat sie zwingen.

 

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