18.05.2017, KVP Schweiz

Kirchenpolitik in Europa

Der Papst und die Rigiden

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Die KVP distanziert sich vom derzeit laufenden Papst-Bashing aus der rechten Ecke. Sie sieht die Rechte im Zorn über das Kirchenoberhaupt und sagt mit dem Papst Nein zum demagogischen Populismus der Rigiden. Sie folgt dem Papst. Wesentliche Grundlagen für diese Haltung finden sich in der katholischen Soziallehre, auch hinsichtlich Europa und der EU, deren Chance es ist, als Friedensprojekt in Zukunft gelebt und vertieft zu werden.

Papst Franziskus hat das Klimaschutzabkommen von Paris unterstützt.

1. Regel-„rechtes“ Papst-Bashing

In einem Kommentar der „NZZ.at“ vom 23. April 2017 schreibt Michael Fleischhacker, der Papst verstehe nichts von Politik und Ökonomie, sage „fast ausnahmslos unsinniges Zeug“ und sei der Liebling der europäischen Linken. Das habe möglicherweise mit einer bildungsfernen Art von Antikapitalismus zu tun. Bischof Felix Gmür, der sich für die Energiewende einsetzt, wäre in dieser Lesart dann ebenfalls ein Ignorant. Und die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die sich ebenfalls ein Bild machen müssen? Dummes Volk? Die Enzyklika „Laudato si‘“ legt naturwissenschaftlich abgestützt das Gegenteil nahe. Die „NZZ“ vertritt den wirtschaftlichen Neoliberalismus. Ihm entspricht gerne ein politisch autoritärer Führungsstil. Nach der Militärdiktatur in Chile sind die meisten, inklusive sozialdemokratisch regierten Länder, dieser Wirtschaftstheorie gefolgt — mit zum Teil markantem Anstieg der Arbeitslosenzahlen und den bekannten Finanzkrisen. Die Brutalität des Wettbewerbs und Konsumdenken bejahend, sind die katholischen Rechten in der Regel neokapitalistisch aufgestellt und dem Sozialstaat abhold. Entsprechend schreiben die Theologen Martin Grichting und Martin Rhonheimer regelmässig in der „NZZ“. Ihre Schriften laufen der katholischen Soziallehre und der Politik der Päpste entgegen (KVP und Thomas Wallimann-Sasaki).

Auf dem rechten Boden steht auch die „Weltwoche“. Sie (Nr. 14/06.04.2017) hat über Matthias Mattussek einen hämischen Kommentar gegen Papst Franziskus verbreiten lassen. Der „Papst Allerlei“ sei „auf Kollisionskurs mit der Kirche“, meinte sie. Die „NZZ am Sonntag“ (14.04.2017) witterte ein von der Administration Trump genährtes Komplott im Vatikan gegen den Papst.

Der zitierte Fleischhacker kritisierte einen päpstlichen Vergleich der Flüchtlingslager mit Konzentrationslagern, zumal die Kirche „mit ihrer absurden Empfängnisverhütungsdogmatik für Millionen von hungernden und elend zugrunde gehenden Kindern verantwortlich“ sei. Flüchtlingsabwehr und fehlende Geburten sind gemäss Papst gesellschaftspolitscher Selbstmord. Die Politik der Rettung der Ungeborenen vor Abtreibung, welche der Papst verfolgt, würde von Fleischhacker zweifellos ebenfalls kritisiert.

Peter Winnemöller kritisierte auf kath.net den Vergleich wegen seiner „schädlichen Folgen“. Der Papst habe damit die Europäer beleidigt, gedemütigt und diskriminiert. Er beleidige und missachte die Europäer „stetig“ mit seinem „freien ungebundenen Geschwätz“. Er müsse endlich die Sprache, die europäische Geschichte, lernen. Die Vorwürfe sind abwegig, und schon gar nicht liegt „verbaler Selbstmord“ vor, wie Winnemöller befürchtet. Im „Deutschlandfunk“ hat der Kommunikationsexperte Erik Flügge die Vertretbarkeit und gute Qualität der Papstaussage im europäischen Kontext verteidigt, ebenfalls das Internationale Auschwitz-Komitee zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk. Der Papst selbst hielt am Vergleich fest. Entgegen Winnemöller mussten die PR-Verantwortlichen des Vatikans nur reagieren, weil gewisse Leute, meist böswillig, die unsinnige Behauptung aufstellten, der Papst habe die Flüchtlingslager mit den Konzentrationslagern des dritten Reichs verglichen. Seine Aussage hat den Papst als „Superstar in Mailand“ und ersten Interpreten des ersten Gebots Gottes bestätigt.

2. Die Rechten liegen im Zorn...

Winnemöller sagt, Migration sei “dort zu bekämpfen, wo sie entsteht“, nicht in Nord– und Südeuropa. Das müsse der Papst lernen. Winnemöller täuscht sich. Ausbeutung, Kriege, Umweltzerstörung, Klimaerwärmung, Anhäufung von Reichtum, Konsum und Luxus werden nicht zuletzt in den politischen und wirtschaftlichen Machtzentralen des sog. christlichen Abendlandes entworfen und entschieden, teilweise seit Jahrhunderten, und eben sehr oft auf dem Rücken der Entwicklungsländer („Laudato si‘“). Winnemöllers Argumentation zeigt nur, dass man gegen (weitere) Migration ist. Die Politik der Kirche erregt in diesen Kreisen Zorn. Das Wort benutzt Winnemöller denn auch, um zu argumentieren, dass man trotz Zorns für den Papst im Hinblick auf seine Ägyptenreise beten soll. Ein Beispiel von Scheinheiligkeit? Kath.net ist jedenfalls zu einer Ansammlung permanenter Papstkritiker geworden. Alle hier zitierten päpstlichen Dokumente und Stellungnahmen wurden nicht oder grossmehrheitlich abschlägig kommentiert.

Die Rechten sind mit dem Papst regel-„recht“ auf Kollisionskurs. Dort sieht man Irrtümer der Papstes (Winnemöller) und einen Massenwiderstand gegen ihn, namentlich in Osteuropa. Der Papst hat ihnen indes die rote Linie gezeigt. Neulich sprach er von „atheistischen Katholiken“, vom untreuen Katholiken, vom verheideten Katholiken, der untreu ist, dessen Herz verhärtet und in Verwirrung ist (kath.net vom 23.03.2017). Glaube droht zur Ideologie zu werden (kath.net). Die Rechte ist verwirrt und wirft dem Papst Verwirrung vor. In Wirklichkeit hat sie Angst und igelt sich aus dieser Angst heraus ein in Aggression, Nationalismus, Autoritarismus und Ausschluss Andersdenkender; so beispielsweise der Schriftsteller und umstrittene Welttheater-Regisseur Thomas Hürlimann („NZZ am Sonntag“ vom 24.04.2017) zum Begriff „Toleranzler“/„Toleranzlerin“: „Dieses Wesen ist areligiös, antifaschistisch, antikapitalistisch, ökofixiert, sozialistisch, homophil, feministisch, raucherfeindlich, ausländerfreundlich, multikulturell, aber…“. Das ist die Sprache des pauschalen Ausschlusses, des demagogischen Populismus und gesuchten Streits. Hürlimann benutzt auch den Begriff „Katholizismus“ – ein ideologischer Begriff.

3. …streiten um des „Gandalfs“ grauen Bart

Kath-net-Redaktor „Gandalf“ trägt das Seinige dazu bei. Nomen est Omen. In der nordischen Mythologie ist „Gandalf“ ein Zauberelf im Zwergenreich. Das Pontifikat Franziskus begann für „Gandalf“ alles andere als berauschend. An einer Generalaudienz stellte er dem Papst seine Kleinfamilie vor und erhielt nur die Bitte des Papstes, für ihn zu beten. Taucht „Gandalf“ mal auf einer Facebook-Seite auf, wie beispielsweise jener des Sprechers des Bistums Chur, Giuseppe Gracia, und wird er dort kritisiert, verschwindet sein Posting umgehend mit der Bemerkung, man könne sich mit „Gandalf“ auf kath.net unterhalten. Dort ist der Zugang für seine Kritiker freilich gesperrt. In der geschlossenen Kath-net-Community wird weiterhin unter Pseudonymen kommentiert. Eine finanzielle Transparenz, die aufzeigen könnte, woher „Gandalf“ seinen Lohn bezieht, besteht nicht. Publiziert wird, was ins rigide Weltbild passt, auch sonntags. Nur Postings werden zur Aufrechterhaltung der Etikette am Tag des Herrn nicht publiziert, selbst hier indes eine Ausnahme für „Gandalfs“ Postings im emotionalen Notfall, wenn „Gandalf“ beispielsweise in der Angelegenheit Medjugorje am 14. Mai 2017 sichtlich erregt schreibt: „Papst falsch informiert.“ Nicht nur vom Papst, sondern auch von den Bischöfen fühlt sich „Gandalf“ ziemlich verlassen. Nach der Ernennung von Peter Kohlgraf zum neuen Bischof von Mainz peitschte er ein: „Leute, es ist relativ egal, wer in Mainz Bischof wird. Das Zeitalter der Bischöfe ist vorbei, das Zeitalter der Laien hat begonnen.“ „So what“, hätte er auch hier als seine beliebte Standardformel der Verachtung anfügen können. Früher warfen die Rechten den linken Laien vor, sie betrieben unzuständigerweise Theologie, wollten mit Eingaben, Mediensensationen, Petitionen, Versammlungen, Demonstrationen und Druck Demokratie veranstalten, die es in der Kirche nicht geben könne. Heute machen sie dasselbe und glauben auf ihre Art „Wir sind Kirche“ – oder sind sie eine Sekte? Sie streiten im Ergebnis jedenfalls um des „Gandalfs“ grauen Bart. Für Benedikt XVI. beispielsweise war für den „Normalfall“ klar: Der Mensch „selbst (…) wird gerettet werden.“ (Enzyklika „Spe salvi“, Ziffer 46). Darunter fallen Rechte und Linke.

4. ...und manipulieren Benedikt XVI.

Die Kritiker fliehen zu Papst Benedikt XVI. — zu Unrecht, wie Jan-Heiner Tück (so schon die Einschätzung der KVP (Ziff. 11.7 und Lebensschutz Ziff. 29, 49) ausführt. „Benedikt und Franziskus teilen die gleiche theologische Grundoption.“ „Man muss Ratzinger gegen seine Liebhaber (etwa Dominik Lusser von „Zukunft Schweiz“; Anm. Red.) verteidigen“. Das belegt auch ein Artikel von Manfred Spieker, der auf kath.net – wenig überraschend – keine Zustimmung erhalten hat.

5. Nein zum demagogischem Populismus der Rigiden

Die KVP folgt Papst Franziskus. In Kairo verurteilte der Papst den demagogischen Populismus und die „Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens gegen jegliche Form von physischer, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Gewalt“. Es gibt keine Gewalt im Namen der Religion. Der einzig erlaubte Extremismus ist jener der Nächstenliebe. Das ist revolutionär.

Migration sei eine Chance zum „Wachstum für alle“, und der Einwanderungsprozess müsse den jeweiligen Rechten und Pflichten des Aufnehmenden wie des Aufgenommenen Rechnung tragen. „Dazu muss man das Recht jedes Menschen, in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen, anwenden und gleichzeitig die Möglichkeit zur Integration der Migranten in das Sozialgefüge, in das sie sich eingliedern, garantieren, ohne dass dieses seine eigene Sicherheit, seine kulturelle Identität und sein sozialpolitische Gleichgewicht gefährdet sieht.“ So läuft die Zuwanderung gegenwärtig auch ab, zur Zufriedenheit der Mehrheit, zur Unzufriedenheit der Rechten. Kardinal Reinhard Marx beklagte gemäss RV (22.03.2017) zu Recht, „auch Katholiken in Europa seien für eine Abschottung gegenüber Flüchtlingen“; „dies sei umso schmerzhafter, als die Haltung des Papstes in dieser Frage vollkommen eindeutig ist“. Von Obergrenzen der Zuwanderung ist keine Rede.
Die Barmherzigkeit ist gemäss Papst Franziskus ein „sozialer Wert“, gemäss Kompendium der Soziallehre „soziale Liebe“ (Ziffer 581), „soziale und politische Liebe“ (Ziffer 207). Der Papst warnt vor der Gefahr der Rigiden (auch „Rigoristen“ genannt). Wer ist damit gemeint? Die Rechten nahmen in 71 Postings erbost Stellung gegen die päpstliche Predigt. Sie fühlen sich betroffen: zu Recht, denn sie sind gemeint. Andreas Püttmann hat die Rigiden im geschichtlichen Rahmen detailliert eingeordnet. Vielfach sind sie bereits aufgrund ihrer Gestik, der Sprache, des Gesichtsausdrucks und der Haartracht erkennbar: verbittert, steif, fies, falsches Lachen, brutal, stechend, martialisch und hart (vgl. zum Beispiel den Kommentar in der „NZZ online“ zu Marine Le Pen; ferner KVP mehrmals und Brühwiler-Frésey). Der Papst wünscht sich demgegenüber frohe Christen.

6. Im Sinne einer Politik der Barmherzigkeit

Die katholische Soziallehre ist eine Lehre der Mitte, die weder den linken noch den rechten Extremen folgt, weder dem Neokapitalismus noch dem Staatskapitalismus, sondern der sozialen Marktwirtschaft. Deshalb haben nicht wenige kirchliche Pensionskassen ihr Kreuz mit der Nachhaltigkeit, weil sie dem Neokapitalismus folgen. Die Rigiden sind dem Kirchenoberhaupt offensichtlich gefährlich, verantwortlich für die jahrhundertelange Politik der Unterdrückung und Ausbeutung, welche der Kirche heute keine andere Wahl lässt, als sich immer wieder zu entschuldigen, neulich für den Genozid in Ruanda. Die positive Antwort auf diese traurige Geschichte des sogenannten christlichen Abendlandes kann allein noch das Bekenntnis zu Barmherzigkeit und Friede sein.

7. Die Chancen der EU wahrnehmen

Die Päpste nehmen gegenüber der EU zwar eine kritische, jedoch wohlwollende Haltung ein. Frankreichs Bischöfe haben für die Präsidentenwahlen keine Wahlempfehlung abgegeben, trotzdem eine restriktive Flüchtlingspolitik unter Hinweis auf das Vorbild Deutschland kritisiert und sich für das europäische Projekt ausgesprochen. Bemerkenswert war die Rede von Papst Franziskus in Mailand an die Staats– und Regierungschefs von 27 EU-Ländern vom 24. März 2017 aus Anlass des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge: Europa ist eine Lebenshaltung, die in einem „neuen europäischen Humanismus“ neuen Schwung braucht, ohne die Blüten des Egoismus in der Form des Populismus. Europas Identität „war immer eine dynamische und multikulturelle Identität“. Als Friedensprojekt (Bischof Algermissen) ist die EU historisch nicht abgeschlossen, wie Thomas Hürlimann meint, sondern muss auch in Zukunft verteidigt und vertieft zu werden. Die Schweiz soll ihren Beitrag dazu leisten.

Das heisst folglich: „Mit neuem Schwung den eingeschlagenen Weg fortsetzen“ mit der „Möglichkeit, authentisch laikale Gesellschaften aufzubauen, die frei von ideologischen Gegensätzen sind und in denen Fremde und Einheimische, Gläubige und Nichtgläubige gleichermassen Platz finden“. „Angst und die tiefe Verwirrung des heutigen Menschen“ zeigen eine Krise. Der Begriff „Krise an und für sich (hat) keine negative Bedeutung. (…) Unsere Zeit ist eine Zeit der Entscheidung (…), wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist.“ „Der erworbene Wohlstand scheint ihm hingegen die Flügel gestutzt und ihn dazu gebracht zu haben, den Blick zu senken“. „Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet, ernsthafte Perspektiven zur Bildung sowie reale Möglichkeiten zur Eingliederung in die Arbeitswelt bietet, wenn es in die Familie investiert, wenn es die Möglichkeit garantiert, Kinder zu bekommen, ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können.“ (Papst Franziskus in Mailand, gemäss RV 24.03.2017; vgl. auch Kardinal Reinhard Marx).

Die Papstworte sind visionär. Lasst uns Taten folgen!
 

 

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