09.11.2020, KVP Schweiz

Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft

Die Enzyklika „Fratelli tutti“

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Papst Franziskus hat am 3. Oktober 2020 seine dritte Enzyklika - eine „Sozialenzyklika“ - in Assisi unterzeichnet. „Fratelli tutti“ ist ihr Titel, „Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ ihr Untertitel. Es geht um einen Verhaltenskodex, um „Handlungsleitlinien“ (52). Die KVP fasst die wichtigsten Überlegungen stichwortartig zusammen.


Alle Menschen sind Brüder, Christus hat sein Blut für alle und für jeden Einzelnen vergossen (85), alle sind als Geschwister „Kinder eines einzigen Gottes“ (279), sind insofern gleich: eine deutliche Botschaft an die Adresse der Muslime. Es gibt indes Konflikte. Der Papst zitiert in diesem Zusammenhang Mt 10, 34-36: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ und macht eine lehramtliche Interpretation zu dieser Bibelstelle: den unvermeidlichen Konflikt nicht suchen, sondern einfach ertragen (240). Immerhin: Wer Unrecht erleidet, muss sich und seine Familie nachdrücklich verteidigen, um seine Würde zu verteidigen (241).

Ein „Traum“ – und seine Hindernisse

Das Ganze ist ein „Traum“, auch ein Traum eines geeinten Europas (10). Hindernisse des Traums sind: „aggressive Nationalismen“ (11, 86), Globalismus (12) und falscher Universalismus (99, 144), eindimensionale Uniformität, die alle Unterschiede und Traditionen zu beseitigen versucht (100), einfarbige Zukunft (100), kulturelle Kolonisation (14), Sinnentleerung und Manipulation grosser Wörter (14), unguter Lokalpatriotismus (146), Indigenismus mit Ablehnung jeglicher Form von Vermischung (148), Vermassung, die Durchsetzung eines einzigen kulturellen Modells (12), die multinationalen wirtschaftlichen Mächte, das Aufstacheln und Schüren von Verdächtigungen, das primitive Spiel von Abqualifizierungen, die Versessenheit, die Kosten der Arbeit zu reduzieren (20), endlose Konfrontationen (78), herzlose Moralisten, die leben, um andere zu verurteilen (220), den Gegner schnell zu diskreditieren und mit demütigenden Schimpfwörtern zu versehen (201), verschieden Ausprägungen des Rassismus, die Sklaverei und der Organhandel (24), die Kultur der Mauern (27), die Gefahr, dass Glaubensüberzeugungen Fatalismus, sowie Handlungslosigkeit, Ungerechtigkeiten, Intoleranz und Gewalt nähren (237), Abschottung und Selbstbezogenheit (102), Beschränkung der Beziehungen auf kleine Gruppen oder die Familie (89 f.), alle Arten fundamentalistischer Intoleranz (191), geschlossene Welten, radikaler, gleichgültiger und unerbittlicher Individualismus (105, 209), das Fehlen einer gerechten Verteilung der natürlichen Ressourcen (29), die Obsession für das eigene Wohlergehen (31), die zerstörerischen Hassgruppen im Netz (43) mit Eliminierung Andersdenkender in virtuellen Kreisen (47), „sogar in katholischen Medien“ (46), skrupellose Finanzspekulationen und Ausbeutung (52), eine Gesellschaft, die in erster Linie auf den Kriterien des freien Marktes und der Leistung beruht (109), ohne jede Transzendenz (113), allein unter der Herrschaft des Geldes (116), Ausschluss von Menschen unter dem Titel der politischen Korrektheit (76).

Der Traum – positiv gesehen

Der Papst beruft sich auf die Geschichte vom barmherzigen Samariter (63 ff.). Willkommenskultur ist gefordert (89 f.), Geschwisterlichkeit, „Nächstenliebe“ (93 f.),
eine universale Gemeinschaft (95), universale Liebe (99).

Festigung der Menschenrechte

Das erfordert einen präsenten und aktiven Staat (108). Gefragt sind Solidarität (114) in einer Weltgesellschaft, Synthesen (148 f.). Hier liegt auch das Tätigkeitsfeld der Volksbewegungen (116, 169). Es braucht die Festigung der Menschenrechte (136), eine rechtliche, politische und wirtschaftliche Weltordnung (138) und eine Reform der Organisation der Vereinten Nationen (173), unter Beachtung des Subsidiaritätsprinzips, der Souveränität der Staaten und der Herrschaft des Rechts (175).

Dialog auf der Basis von Wahrheit und der gemeinsamen Nutzniessung der Güter

Grundlage sind nicht der Relativismus, sondern objektive Wahrheiten und feste Grundsätze, die universell gelten und in Übereinstimmung stehen mit dem Verstand und der sittlichen Vernunft (208). Zu finden sind sie durch Dialog in einer pluralistischen Gesellschaft, durch Motivation und rationale Argumente. Die so gefundene Wahrheit ist unverhandelbar (211). Die Wahrheit ist die untrennbare Gefährtin der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (227). Es gibt das Gute und das Böse an sich (210). Für den Gläubigen ist die menschliche Natur Quelle ethischer Prinzipien, von Gott geschaffen, der diesen Prinzipien eine feste Grundlage verleiht (214).

Was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern den Armen (119). Das Prinzip der gemeinsamen Nutzniessung der Güter ist ein Grundprinzip der gesamten sozialethischen Ordnung, ein naturgegebenes natürliches und vorrangiges Recht. Das Recht auf Privateigentum ist ein sekundäres Naturrecht (120). Hierin zeigt sich „die beste Politik“ (154). Die sittlichen Grundprinzipien können dann freilich zu unterschiedlichen praktischen Normen führen. Deshalb bleibt immer Freiraum für den Dialog (214). Niemand wird die ganze Wahrheit besitzen (221). Die Tatsache, an Gott zu glauben und ihn anzubeten, ist keine Garantie, dass man auch lebt, wie es Gott gefällt. Paradoxerweise können diejenigen, die sich für ungläubig halten, den Willen Gottes besser erfüllen als die Glaubenden (74).

Rechte der Völker und Einheit der Nation vor Neoliberalismus

Die Rechte der Völker (124) und der Armen stehen über dem Recht einiger auf Unternehmens– und Marktfreiheit (122). Die Unternehmertätigkeit ist eine edle Berufung und muss auf Überwindung der strukturellen Armut und Schaffung vielfältiger Arbeitsmöglichkeiten ausgerichtet sein (123). Die liberale Sichtweise mit dem Neoliberalismus hat ihre Werte und Grenzen (163), hat sich als fehlbar erwiesen (168). Der Machtschwund der Nationalstaaten ist Folge davon (172). Die Völker haben indes Grundrechte und soziale Rechte auf Erhaltung und Fortschritt (126). Es geht um den Aufbau der Einheit der Nation (232). Im Zentrum steht das Gemeinwohl (232). Der Papst sieht einen Planeten, der allen Menschen Land, Heimat und Arbeit bietet (127) und die jeweilige kulturelle und religiöse Identität bewahrt (129, 134). Ziel sind eine Familie der Nationen (151), Projekte der Nation und deren Einheit (178, 232).

Soziale und politische Liebe

Zwischen „populär“ und „Populismus“ ist zu unterscheiden (156). Populisten verzerren den Begriff Volk und instrumentalisieren ihn für eigene Machtzwecke (159). Damit Heimat nicht ein Gehege oder eine Zelle wird, braucht es Offenheit (142), die aber die Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen in ihren jeweiligen kulturellen Eigenheiten voraussetzt (143). Dass jeder sein eigenes Land pflegt und schützt, entspringt der positiven Bedeutung des Rechts auf Eigentum (143). Das alles ist Inhalt der sozialen und politischen Liebe (176), eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie das Gemeinwohl anstrebt (180) und das Herzstück der Politik darstellt (187). Religiöse Amtsträger betreiben freilich keine Parteipolitik, können aber auf die politische Dimension unserer Existenz nicht verzichten (278). Die Liebe bedarf des Lichts der Wahrheit, und dieses Licht ist das Licht der Vernunft und des Glaubens (185). Sogar die Zärtlichkeit hat in der Politik Platz. Zärtlichkeit bedeutet „Liebe, die nah und konkret wird“ (194), denn jeder ist „unendlich heilig“ (195, 207).

Sozialer Friede als Ergebnis von Dialog und Brüderlichkeit

Ziel ist es, trotz Differenzen Berührungspunkte zu suchen und gemeinsam zu arbeiten und zu kämpfen (203), in einer gemeinsamen Leidenschaft (36). Das Internet ist ein Mittel dazu „ein Geschenk Gottes“, das ein Gefühl für die Einheit der Menschheitsfamilie geben kann (205). Wir sollen uns als Volk für die Idee begeistern, zusammenzukommen, Berührungspunkte zu suchen, Brücken zu schlagen, etwas zu planen, das alle mit einbezieht in einer Kultur der Begegnung, mit dem Volk als Subjekt (216). Das führt zum sozialen Frieden. Dieser erfordert gleichwohl harte Arbeit, Handarbeit (217), die Prozesse der Begegnung in Gang setzen (217). Freundlichkeit ist geboten (222). „Darf ich? Entschuldigung! Danke!“ sind entscheidende Worte im Dialog (224). Der Wert des Zusammenseins, der familiären Verbindung, steht über allen Gruppierungen (229, 230). Es gibt keinen Schlusspunkt, Freundinnen und Freunde der Armen zu werden (234). Die Einheit steht über dem Konflikt, ohne dass man in einen Synkretismus verfallen muss (245). Vergeben kann nur der einzelne Mensch, nicht eine Gesellschaft (246).

Die Fremden und Flüchtlinge

Die Fremden dürfen nicht ausgeschlossen werden (63 ff.). Flüchtlinge brauchen rasche Verfahren, humanitäre Korridore, konsularische Betreuung, Visa, Zugang zu Bildung und Familienzusammenführung (130). Diejenigen, die schon länger angekommen sind, haben Anspruch auf volle Bürgerrechte (131). Es braucht Aufnahme ohne Gegenleistung (139, 141). Den Armen mit Geld zu helfen, kann immer nur eine provisorische Lösung sein (162). Nur Wissenschafter und Investoren aufzunehmen, geht nicht.

Nein zu Shoah, Sklavenhandel, „gerechtem“ Krieg und Todesstrafe

An die Shoah, die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki, den Sklavenhandel und anderes muss man sich immer wieder erinnern, immer und immer wieder (248). Der Krieg ist in keinem Fall mehr eine Lösung (258), ebenso wenig wie die Todesstrafe (263) und die lebenslange Freiheitsstrafe (269).

Offenheit gegenüber der Transzendenz

Beständige Brüderlichkeit entsteht nicht durch Vernunft, sondern durch Offenheit gegenüber dem Vater aller und der Transzendenz (272), also darf es keine Entfremdung des Gewissen und von religiösen Werten und keinen Materialismus geben (275). Christliche Identität ist möglich, aufgrund des Evangeliums Jesu Christi, freilich ohne den Strahl jener Wahrheit zu verkennen, der alle Menschen erleuchtet (277). Religionsfreiheit, Anbetung Gottes und Nächstenliebe sind das Wesentliche (282), ferner die Achtung vor der Unverletzlichkeit des Lebens, vor der Würde und Freiheit des andern sowie der Einsatz für das Wohl aller (283). Terrorismus ist in all seinen Formen zu verurteilen (283). Religion kann niemals zu Gewalt, Hass, Feindseligkeit und Extremismus gebraucht werden (285).

Weitere Vorbilder des Papstes

Der Papst zitiert zum Schluss ausführlich das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ von Abu Dhabi 2019 (285), das er mit dem Grossimam Ahmad Al-Tayyeb ausgearbeitet hatte (5). Führen liess er sich von Franz von Assisi, dessen Wort von den „Fratelli tutti“, dessen sozialer Freundschaft sowie der Geschichte von dessen Besuch beim Sultan Malik-al-Kamil in Ägypten (1 ff.). Inspiriert wurde er durch die Biographien von Martin Luther King, Desmond Tutu und Mahatma Gandhi. Zitiert werden unter anderen Charles de Foucauld (286), der deutsche Regisseur und Fotograph Wim Wenders (Anm. 49), der französische Philosoph Paul Ricoeur (Anm. 80), der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel (Anm. 130), Antonio Spadaro SJ (Anm. 132) und der brasilianische Dichter und Sänger Vinicius de Moraes (Anm. 204).

 

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